Informe final

Erfahrungsbericht von Hannah

Anfang September ging es endlich los. Ich verabschiedete mich von meiner Familie und meinen Freunden, um für sechs Monate nach Guatemala zu fliegen, wo ich als Praktikantin für das Projekt PROCEDI arbeiten würde. Ich war unglaublich aufgeregt, da ich keine Ahnung hatte, was genau mich dort erwarten würde. 14 Stunden Flug ins Unbekannte, in ein Land in dem ich niemanden kannte, dessen Sprache ich kaum sprach und mit einer Kultur, die der unseren so fremd ist.

Am Flughafen wurde ich herzlichst von der Leiterin des Projektes, Flor de Maria, und zwei ihrer Verwandten empfangen. Dann ging die wilde Fahrt im PROCEDI-Bus mitten durch den guatemaltekischen Berufsverkehr auch schon los. Ich kann nicht mehr genau sagen, ob ich beeindruckt war, dass die Autos trotz ihres wilden Fahrstils ohne größere Unfälle ans Ziel zu kommen schienen, oder ob ich geschockt war, von den großen schwarzen stinkenden Rauchwolken, die vor allem die örtlichen Busse, die sogenannten Camionetas, ausstießen.

Bereits am nächsten Tag ging es früh mit Flor und deren Nichte Angeles, welche zu der Zeit eine Arbeit für die Universität in PROCEDI fertig stellte und zu meinem Glück Englisch sprach ins Projekt. Die Kinder ließen mich kaum aus dem Bus aussteigen, da hingen sie mir schon an Armen und Beinen und überhäuften mich mit kleinen feuchten Küssen. Ich war total erstaunt über diese Offenheit, die die Kinder einer Fremden entgegenbrachten. Ich fühlte mich aber auch vom ersten Augenblick an hinter den Toren PROCEDIs wohl. Dass ich die tausend Fragen, die mir von allen Seiten an den Kopf geworfen wurden weder verstand noch beantworten konnte, machte hier auch niemandem wirklich etwas aus. Zur Not war da ja noch Angeles, welche übersetzen konnte. Zur Begrüßung hatte jede Klassenstufe eine Tanzaufführung für mich vorbereitet und die Kinder waren auch alle schon sehr aufgeregt diese zu präsentieren.

Die ersten zwei Wochen verbrachte ich also hauptsächlich kuschelnd im Projekt und abends fiel ich geschafft von all den neuen Eindrücken und wegen der Zeitverschiebung hundemüde ins Bett.

Nach zwei Wochen, als ich mich gerade richtig eingelebt hatte, verließ ich das Projekt für zwei Wochen um in einer anderen Stadt, Antigua, einen Sprachkurs zu besuchen, damit ich mich auch endlich mit den Kindern und auch der Familie, bei der ich lebte, unterhalten konnte. Nachdem ich im Projekt und auch von Flors Familie so herzlich aufgenommen worden war, fühlte ich mich in Antigua zuerst ein wenig einsam. Allerdings genoss ich es unheimlich mich frei bewegen zu können, was aufgrund der hohen Kriminalität und Gewalt in Guatemala Stadt, und vor allem in der Zone 18, wo sich PROCEDI befindet, nicht möglich ist. Ich fand eine Freundin, mit der ich mich fast jeden Nachmittag nach der Sprachschule traf. So ließ sich die Zeit ohne PROCEDI doch ganz gut überbrücken.

Als ich wieder zurückkam, merkte ich sofort, dass sich mein Verständigungsproblem um einiges gebessert hatte. Mit Flors Familie konnte ich mich zum ersten Mal auch mit denjenigen unterhalten, welche kein Englisch sprachen. Ich verstand endlich ein wenig, wenn sich die anderen beim Essen unterhielten, nur mit den Kindern in PROCEDI war es teilweise noch schwierig, da diese oft umgangssprachliche Wörter verwendeten, undeutlich oder einfach viel zu schnell sprachen. Welch‘ Ernüchterung. Ich hatte unsinnigerweise gehofft, dass ich nach nur zwei Wochen Sprachkurs, wie die Guatemalteken selbst, Spanisch sprechen könne. Das ging so natürlich nicht und es kostete mich noch unzählige Fragen der Kinder und unzähliges Nachfragen meinerseits, bis ich endlich den Großteil aller Gespräche verstand.

Bald nachdem ich aus Antigua zurückgekehrt war, kamen auch Franz und Saskia aus Deutschland und es fanden viele Besprechungen mit den Lehrern, Flor und dem Vorstand statt, in denen es meistens um finanzielle Themen ging. Das war für mich sehr anstrengend, da ich nicht genug Hintergrundwissen hatte, um alles zu verstehen, worüber diskutiert wurde. So war ich froh als dann eine deutsche Reisegruppe kam, um an einer von Saskia geleiteten Rundreise teilzunehmen. Auch sechs Jugendliche aus dem Projekt und ich nahmen an dieser Reise teil. So hatte ich die Chance ein wenig zu entspannen und das Land kennenzulernen. Auch die Jugendlichen hatten damit zum ersten Mal die Gelegenheit, ihr beeindruckendes Land mit seiner interessanten Geschichte hautnah zu erleben und kennenzulernen. Wir bestiegen unter anderem die Tempel der alten Mayas in Tikal, wir besuchten die Karibikküste, nahmen an einer Tour durch den Dschungel teil, machten viele Bootstouren und besuchten die Sinterterrassen von Semuc Champey. Trotzdem freute ich mich die ganze Zeit darauf bei PROCEDI richtig anfangen zu können. Nach einer Einweisung von Saskia, hoffte ich endlich nicht mehr nur die Kuschel-Praktikantin zu sein, sondern mit den Lehrern und Flor zusammen in PROCEDI zu arbeiten. Dazu ergaben sich nun auch genügend Möglichkeiten, da die großen Ferien in Guatemala schon im Oktober anfangen. PROCEDI blieb jedoch trotzdem geöffnet und die Lehrer boten jeden Vormittag für die Kinder unterschiedliche Projekte an und nach dem Mittagessen gingen die Kinder nach Hause. Ich bot interessierten Kindern an zwei Tagen in der Woche einen Englisch-Workshop an. Ich konnte zwar immer nur eine kleine Gruppe dazu motivieren, da andere Angebote wie Fußball spielen, Tanzen oder Basteln natürlich in den Ferien mehr Spaß machen als eine neue Sprache zu lernen. Dennoch nahm jedes Mal eine kleine Gruppe an meinem Kurs teil und lernte somit spielerisch die Grundlagen der englischen Sprache kennen. Die Kinder, die regelmäßig kamen, hatten auch sichtlich Spaß daran. Nach einem knappen Monat endeten dann die Workshops und jede Gruppe machte eine kleine Präsentation über ihre Aktivitäten der vergangenen Wochen. An den anderen Tagen half ich in der Küche, besuchte die Workshops der anderen Lehrer, spielte mit Kindern, welche gerade nicht beschäftigt waren, Badminton, Fußball, Basketball oder Seilspringen. Da auch Jugendliche das Projekt in ihren Ferien häufig besuchten, gab ich einigen von ihnen Deutsch- oder Englischunterricht. Durch diese verschiedenen gemeinsamen Aktivitäten konnte ich die Kinder und Jugendlichen besser kennenlernen und es entwickelten sich gute und vertrauensvolle Beziehungen.

In dieser Zeit fanden auch die Besuche bei den Familien statt, deren Kinder Anfang dieses Jahres in PROCEDI aufgenommen werden sollten. Ich begleitete die Mitarbeiter bei diesen Besuchen und konnte dadurch auch das Leben um das Projekt herum ein wenig erfahren. Ich war beeindruckt davon, dass die Familien, trotz ihrer Armut, uns mit großem Stolz ihr Heim zeigten. Ich fand es schön von den Familien, so wohlwollend empfangen zu werden.

Die erste Dezemberwoche musste PROCEDI geschlossen bleiben, da der Strom abgestellt worden war. Da mit dem fehlenden Strom auch die Pumpe für die Wasserversorgung im Projekt stillstand, waren auch die Toiletten nicht benutzbar und es gab kein Wasser um die Mahlzeiten für die Kinder zuzubereiten. Wir hatten erst zwei Tage vor unserer Weihnachtsfeier wieder Strom und konnten das Haus wieder öffnen. In der Zwischenzeit fuhren wir mit allen Kindern und dem kompletten Team mit der Unterstützung einer Pfadfindergruppe auf ein Wochenendzeltlager. Einige Jugendliche fuhren auch mit. Alle freuten sich und fanden es aufregend ein Wochenende nicht bei sich im Viertel zu sein. Sie konnten so auf den großen Wiesen herumtollen und durch die Wälder ziehen wie sie wollten, was bei ihnen in den Straßen der Zone 18 nicht möglich ist. Sie nahmen an den geplanten Spiel- und Sportprogrammpunkten der Pfandfinder mit viel Begeisterung teil und genossen vor allem das Schwimmen im großen Schwimmbecken. Am Abend bestiegen wir alle zusammen einen Berg, von welchem aus man in der Ferne das Feuerwerk eines Festes in Guatemala Stadt beobachten konnte. Als am Sonntag alle wieder in den Bussen saßen, um nach Hause zu fahren, waren die Kinder von all dem Erlebten so geschafft, dass sie im Bus sofort einschliefen. Auch ich war von dem Wochenende sehr erschöpft und war zum ersten Mal nicht traurig darüber, dass am Montag das Projekt geschlossen bleiben sollte, damit sich alle vom Wochenende ausruhen konnten.

In der folgenden Woche liefen die Vorbereitungen für Weihnachten auch in PROCEDI auf Hochtouren. Es wurden Pakete mit Kleidung und andere mit Lebensmitteln für die Kinder und ihre Familien gepackt und es wurde die Weihnachtsfeier vorbereitet. Am letzten Schultag vor Weihnachten kamen dann die Familien der Kinder mit ins Projekt, um sich die von den Kindern einstudierte Posada anzusehen. Dies ist eine vorweihnachtliche Tradition in Guatemala, in welcher die Suche von Maria und Josef nach einer Herberge nachgespielt wird. Die Kinder sangen ein paar Weihnachtslieder und dank des wieder funktionierenden Stroms leuchteten sogar die Lichter am Weihnachtsbaum. Zusammen mit allen Familien aßen wir Tamales und tranken Punsch, das typische Weihnachtsessen in Guatemala und gaben ihnen dann ihre Lebensmittel- und Kleidungspakete. Obwohl die Weihnachtsfeier nicht lang war, herrschte eine sehr festliche und ausgelassene Stimmung und es gefiel mir sehr, die Familien so friedlich und glücklich zusammen zu sehen.

Für einen Monat blieb PROCEDI nun geschlossen und viele Kinder fuhren Verwandte in der näheren Umgebung besuchen. Ich selbst nutzte diese Gelegenheit auch um mit meinem Besuch aus Deutschland Guatemala erneut zu bereisen. Und ich war wieder fasziniert von dem Reichtum an abwechslungsreichen Naturschauspielen und vielfältiger Kultur der einem in Guatemala geboten wird.

Das Projekt begann dieses Jahr eine Woche später als geplant, da sich in der langen freien Zeit viel Staub und Dreck angesammelt hatte, der zuerst beseitigt werden musste. Zudem war Flor de Maria noch nicht fertig geworden, die Schulmaterialen für das im Januar beginnende neue Schuljahr zu besorgen. Ich verbrachte diese Woche damit die Patenbriefe über die neuen Vorschulkinder zu übersetzen.

Nach einer kleinen Begrüßung der Schüler begann Ende Januar der Unterricht für die älteren Kinder. Die Lehrerin der Vorschulklasse und ich waren eine Woche damit beschäftigt, die Kinder der Vorschulklasse, der ersten und der zweiten Klasse zu baden und zu entlausen. Obwohl es mich selbst nach jedem Kind mehr am Kopf juckte, war ich jeden Nachmittag erleichtert darüber, auf meinem eigenen Kopf keine Läuse zu finden. Nachdem auch die Kinder der Vorschulklasse sauber und läusefrei waren, begann nun auch für sie der Unterricht. Sie lernten die ersten Zahlen und Buchstaben aus dem Alphabet kennen und ich half ihrer Lehrerin Arbeitsblätter oder Bilder zu gestalten, Aufgaben in die Hefte der Kinder zu schreiben oder mit ihnen zu singen und zu spielen. Mit 18 neuen Kindern ist die Vorschulklasse dieses Jahr sehr groß und es war schön mit ihnen ihre ersten Wochen und Erfahrungen in PROCEDI zu teilen, und ihnen alltägliche Dinge, wie das gemeinsame Essen am Tisch, beizubringen. Neben der Unterstützung der Vorschullehrerin gab es auch immer wieder andere Aufgaben für mich. So half ich beim Erstellen eines Inventars aller Gegenstände in PROCEDI, beim Aufräumen des Erste-Hilfe-Zimmers und des Raumes für den neuen Psychologen. Als besondere Aktion habe ich für alle Kinder und Mitarbeiter des Projektes an einem Morgen Waffeln für das gemeinsame Frühstück gebacken. Wer hätte gedacht, dass 100 Waffeln so viel Zeit in Anspruch nehmen?

Nun war es auch schon Zeit mich auf den Abschied von den Kindern vorzubereiten. Hierzu hatte ich die Idee alle Kinder in den Zoo einzuladen, um mit ihnen noch einen besonderen Tag zu erleben. Vor allem für die Kinder war dieser Ausflug etwas ganz besonderes, und sie freuten sich schon Tage vorher darauf. Ich hatte hierzu eine Rallye mit Fragen zu den Tieren vorbereitet, welche die Kinder mit Begeisterung beantworteten. Für meinen letzten Tag im Projekt hatten Kinder und Mitarbeiter eine kleine Abschiedsfeier vorbereitet, bei der sie sich bei mir für die Zeit bedankten, welche ich mit ihnen verbracht hatte und mir einige selbstgemachte Karten übergaben. Ich war sehr gerührt und es fiel mir sehr schwer PROCEDI und vor allem die Kinder zu verlassen.

Auch wenn die erste Zeit in einem so fremden Land und ohne meine Freunde und Familie schwer für mich war, habe ich mich mit der Zeit immer besser eingelebt und auch sehr enge Freundschaften geschlossen. Diese Beziehungen, die entstanden sind, haben es mir am Ende genauso schwer gemacht wieder wegzugehen, wie es am Anfang schwer war, anzukommen. Die Zeit und die Menschen sind mir immer noch so nah, dass ich noch Zeit brauche meine eigenen Gedanken über all das Erlebte zu sortieren und herauszufinden, wie sich diese Erfahrung auf mein eigenes Leben und Handeln auch in Zukunft auswirken wird.

Kontakt

Marina Kallis
marina@procedi.de

Lotte Rendel
lotte@procedi.de

Markus Gränz
markus@procedi.de